Eine persönliche Vorbemerkung

Es mag ungewöhnlich erscheinen, dass ein Facharzt für Orthopädie (mit Sportmedizin) sowie ein Hochschullehrer der Geographie die Initiative zum Projekt der Zweibrücker Industriekultur ergriffen haben. Wir sind beide seit fast einem halben Jahrhundert Zweibrücker Bürger, beide auch seit vielen Jahren im Ruhestand. Beide sind wir aber besorgt, dass die wichtigste Prägung unserer Stadt seit mehr als 150 Jahren bisher einen so geringen Platz in der privaten und öffentlichen Wahrnehmung einnimmt, nämlich Prozesse und Folgen der Industrialisierung.

Unsere Biographien und Kompetenzen ergänzen sich und beeinflussen zugleich die Art unseres Blicks auf die Zweibrücker Industriekultur. Dies gilt nicht nur im Hinblick auf die Einbindung heute produzierender Unternehmen, ein eher seltener Ansatz in vergleichbaren Projekten des In- und Auslandes. Ausgehend von einem Konzept weit ausgreifender funktionaler Zusammenhänge legen wir großen Wert darauf, auch deren historische und aktuelle Transnationalität zu thematisieren.

Dabei geht es uns vor allem um die Frage, welche grenzüberschreitenden Fernwirkungen von Zweibrücker Industriebetrieben in nähergelegene Großräume (etwa Saarland / Luxemburg / Lothringen) und in die übrige Welt hinaus gegangen sind und noch gehen - und wie solche Fernwirkungen uns bis heute aus aller Welt erreichen. Dies ist ein hoch interessantes und auch sehr komplexes Themenfeld, aber die Datenlage ist teilweise schwierig - zu viel ist in den Kriegs- und Nachkriegszeiten verloren gegangen.

So wissen wir aus vorliegenden historischen Unterlagen, dass allein in den Raum an der Saar von Dingler etwa 500 Dampfmaschinen geliefert worden sind. Ein Beispiel aus der Grube Ensdorf-Duhamel ist im nebenstehenden Bild gezeigt, wo aber aus dem östlichen Grubenfeld  auch noch eine weitere im Jahr 1918 aufgestellte Maschine erhalten ist (frdl. Informationen von Jens Falk, saarländisches Ministerium für Bildung und Kultur). Das älteste Dingler-Förderaggregat ist im Saarland aber in der ehemaligen Grube Velsen, Gustav II-West (heute ein ‚Besucherbergwerk‘) erhalten und ist dort für Besichtigungen leicht zugänglich.

Unsere Arbeit wird wesentlich getragen durch die kräftige ideelle Unterstützung der Stadtverwaltung, hier vor allem durch die Beigeordnete Christine Rauch (Dezernat III / 41) und die Leiterin des Stadtmuseums, Dr. Charlotte Glück. Sie beide regten auch eine enge Zusammenarbeit mit der Volkshochschule Zweibrücken an, jetzt offiziell  durch das Logo auf der Website. Unser herzlicher Dank gebührt nicht nur ihnen, sondern natürlich auch dem Freundeskreis Zweibrücker Industriekultur mit seinen kundigen Mitgliedern, hier insbesondere einigen alten Zweibrücker Bürgern mit einem sehr guten Überblick über die Wirtschaftsgeschichte der Stadt. Eine Reihe sehr hilfsbereiter Vertreter aus Zweibrücker Unternehmen schließen wir in unseren Dank ein.

Insgesamt wird es uns hoffentlich gelingen, ein klareres öffentliches Bild von Industriegeschichte und heutigen industriellen Schwerpunkten zu entwerfen - zum Wohl von Stadt, Bürgern, Besuchern und Unternehmen.

Zweibrücken im Februar 2022

Gerhard Herz / Dietrich Soyez

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Grube Ensdorf-Duhamel (Saarland) 

Die Fördermaschine II für die westliche Förderung der Grube wurde von den Zweibrücker Dinglerwerken konstruiert und im Jahr 1936 aufgestellt.  (Foto mit freundlicher Genehmigung von: Ministerium für Bildung und Kultur, Jens Falk)

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Detail: Schwungrad der Fördermaschine II
(Foto: D. Soyez, 24. Juni 2022)

                         

Freundeskreis Zweibrücker Industriekultur 2021: Das erste Jahr der Initiative

Der Freundeskreis umfasst inzwischen etwa 30 Personen aus Verwaltung, Wirtschaft und Bildungsinstitutionen sowie Bürger aus anderen Bereichen, die sich für die Industriegeschichte unserer Stadt interessieren.

Mit unserer Initiative wollen wir ganz generell dazu beitragen, unsere Industrie buchstäblich wieder ins Gespräch zu bringen, vor allem indem ihre Binnen- und Außenwirkung besser verdeutlicht werden. Der Blick ist nicht nur auf die Hinterlassenschaften historischer Firmen gerichtet, sondern ebenso auf die heute produzierenden Unternehmen. Auch sie repräsentieren unsere industrielle Kultur.

Interessierte Entscheidungsträger, Unternehmen und Bürger sollen dabei unterstützt werden, unsere Industriekultur als städtische, unternehmerische und zivilgesellschaftliche Ressource zu schätzen und sie gezielter für Binnenidentifikation und Außenwirkung der Stadt zu nutzen.

Freundliche Unterstützung durch die Stadt Zweibrücken

Viele dieser notwendigen Schritte wurden dankenswerterweise aktiv begleitet von engagierten Mitgliedern der Stadtverwaltung. Sie haben dann im Sommer auch das erste ‚öffentliche Auftreten‘ unserer Initiative organisiert, und zwar den Pressetermin am 6. Juli 2021 im Herzogsaal des Stadtmuseums. Dabei wurde seitens des Stadtvorstands das große Interesse an der Thematik und der Wille zur Unterstützung unserer Arbeit unterstrichen. Wir danken allen Beteiligten!

An diesen ersten Pressekontakt schlossen sich weitere Gespräche mit Vertretern der Lokalzeitungen an, gefolgt von bisher insgesamt vier Berichterstattungen über unsere Arbeit. Wir selbst sind sehr daran interessiert, auf diesem Weg eine breitere Öffentlichkeit informiert zu halten, wobei neuere Entwicklungen von jetzt ab auf dieser Homepage zu verfolgen sein werden.

 

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Teilansicht der Dingler'schen Maschinenfabrik AG Zweibrücken mit  Gartenanlage des „Alten Bahnhofs". An der Straße am rechten Bildrand das Restaurant „Tivoli“ (ca. 1908)

(Quelle: Ludwig, Hans (1991) Die Industrialisierung Zweibrückens - Die Dinglerwerke. Ein Stück deutscher Industriegeschichte. Edition Troja, Zweibrücken, S. 188)

Weitere Kontaktaufnahmen und Kooperationsmöglichkeiten

Das gesamte Jahr 2021 diente den Initiatoren neben einer Intensivierung der Literaturstudien auch zu vielfältigen weiteren Kontaktaufnahmen mit Experten und Institutionen im Zweibrücker Großraum, Rheinland-Pfalz, Saarland, Lothringen und Luxemburg, sämtlich zur Vorstellung der Pläne des Freundeskreises und Informationsbeschaffung. In Einzelfällen wurden auch schon erste Absprachen für eine künftige engere Zusammenarbeit getroffen.

Der persönliche Kontakt zur Mehrzahl der Zweibrücker Unternehmen ist inzwischen hergestellt. Einige Termine konnten aber wegen strikter Infektionsbestimmungen noch nicht stattfinden. Auch hier treffen wir auf regen Zuspruch und die Erwartung einer guten Zusammenarbeit.

 

...der Blick nach vorn...

Insgesamt können wir auf das erste Jahr unserer Initiative recht zufrieden zurück, auch wenn alles aufgrund der infektionsbedingten Begrenzungen nur in kleineren Schritten und langsamer als erhofft abgelaufen ist. Ein wesentliches Ziel für das Jahr 2022 ist es jedoch, die Interaktion innerhalb unseres Freundeskreises zu intensivieren und eine größere Zahl von Engagierten zur Übernahme und Bearbeitung von konkreten Teilaufgaben anzuregen. Die jetzt freigeschaltete Webseite wird dabei sehr hilfreich sein.

Wir freuen uns darauf, die Ergebnisse unserer zukünftigen Arbeit auf den genannten digitalen Plattformen vorzustellen regelmäßig zu aktualisieren und dadurch auch eine Basis für einen zukünftigen Industrietourismus zu schaffen. Dies kann dann geschehen etwa durch ein Angebot von Führungen auf unterschiedlichen ‚Industriepfaden‘ (zu ergänzen durch Tafeln mit QR-Codes, die mithilfe der Nutzung von Mobilgeräten auch wenigstens Grundinformationen auf individuell zu folgenden Routen vermitteln).

Aktivitäten

Bedingt durch die Infektionslagen im vergangenen Jahr fanden nur zwei persönliche Treffen statt. Sie konnten jedoch nur von einigen unserer Mitglieder besucht werden. Im Übrigen entspannte sich ein periodenweise lebhafter Email-Austausch. Ebenso konnten wir individuelle Gespräche und Begehungen im Modellgebiet mit älteren Zweibrückern durchführen, die uns aus ihrem reichen Erfahrungsschatz viele Hinweise und erste Anknüpfungspunkte für die weitere Arbeit lieferten.

Eine Reihe von Mitgliedern des Freundeskreises standen auch regelmäßig für Einzeltreffen zur Verfügung, um unsere Untersuchungsmethoden zu verfeinern (hier vor allem bezüglich der Anwendung von digitalen Aufnahme- und Darstellungsverfahren). In einigen Rundbriefen haben wir versucht, alle Mitglieder des Freundeskreises über diese Arbeitsfortschritte informiert zu halten.

Erfreuliche Rückmeldungen beinhalten insbesondere die Ansprache von möglichen Vertiefungsthemen, die dann zusammen mit einer ersten Präsentation auf der digitalen Plattform Kultur.Landschaft.Digital. / KuLaDig veröffentlicht werden sollen. Zu den bisher ins Auge gefassten Beispielen gehören etwa Analysen über die Rolle von Gewerkschaften in der Zweibrücker Metallindustrie oder die nachkriegszeitlichen transnationalen Verwicklungen um den hochspezialisierten Gebläse- und Windkanalbau von Dingler.

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